Die Komplexität der Erinnerungen

„Alle großen Leute waren einmal Kinder, doch nur wenige erinnern sich daran“
(Saint-Exupéry aus „Der kleine Prinz”)

 

Sich besinnen. Gedenken. Ins Gedächtnis rufen. Zurückblicken.
All dies sind Synonyme für das Schlagwort Erinnern. Menschen erinnern sich an große Ereignisse: an Geburtstage, an Feiertage, die Einschulung, die erste eigene Wohnung. Aber auch kleine Ereignisse, die sich in den Alltag verflechten: der erste Schnee des Jahres, das Lieblingsessen der Schwester oder auch das Gespräch mit dem Nachbarn.
Doch wie kommt es zu diesem Erinnerungsprozess? Erinnern wir uns nur an Dinge, an die wir uns erinnern wollen? An wichtige Dinge? Können wir konträr dazu Dinge vergessen, verdrängen, nicht mehr daran denken?

Um auf diese Fragen eine Antwort zu finden,  bedarf es einer Auseinandersetzung mit der neuronalen und psychologischen Funktion des Gehirns. 

1. Das Gehirn
Ohne das Gehirn wäre der Mensch nicht lebensfähig. Im Gedächtnis werden nicht nur Erinnerungen abgespeichert, sondern auch Kommunikationen, Tätigkeiten und vieles mehr. Es gibt jedoch nicht nur einen bestimmten Teil im Gehirn, der dafür verantwortlich ist. Vielmehr kann man es sich als ein Netzwerk vorstellen, welches Informationen von einem Ort zum anderen „schleust“. Um dies näher veranschaulichen zu können, reicht eine kurze, medizinische Einführung.

Zu unterscheiden gelten die motorischen „Felder“ von den sensorischen „Feldern“. Während es sich bei den motorischen Feldern um Motorische Handlungsfolgen, Antriebe, Produktives Denken, Gesinnung, Blickbewegungen, Horchbewegungen, Körperbewegungen, Fertigkeiten sowie das Schreibzentrum handelt, enthalten die sensorischen Felder Schmerz-, Temperatur- und Berührungsempfindungen, das Ortsgedächtnis als auch das Namensverständnis und Lesezentrum. Des Weiteren das Farberkennen, das Sinnverständnis für Musik und Geräusch, ferner den Geschmack. Diese sogenannten „Felder“ befinden sich in der linken Hemisphäre der Großhirnrinde. In dieser Großhirnrinde befinden sich unter anderem auch der präfrontale Kortex, der Hippocampus sowie der Neokortex. 
Im präfrontalen Kortex im Frontallappen werden kognitive Fähigkeiten lokalisiert. Es handelt sich hier um das höchste Assoziationszentrum des Gehirns.
Damit dieser Kortex allerdings funktionstüchtig ist, benötigt er den prämotorischen Kortex, den partiellen Kortex sowie die Okzipitalrinde.

 

Ein weiteres, wichtiges Hirnareal bildet der Hippocampus, welcher im limbischen System liegt. In diesem hat der Papez-Kreislauf seinen Ursprung: dieser ist von elementarer Bedeutung für die Gedächtnisbildung.

Die Übertragung der Erinnerungen vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis werden hier vollzogen. Wenn das Gehirn neue Informationen aufnimmt, werden sie hier verarbeitet. Falls Informationen aufgenommen werden, die sich schon im Gehirn befinden, jedoch leicht verändert sind, kommt es zu einer Reaktivierung der alten Informationen. Wenn also einem Menschen beide Hippocampi fehlen, kann es keine Übertragung und Reaktivierung mehr geben, was zur Folge hat, dass neue Erfahrungen und Erlebnisse nicht mehr abgespeichert werden können. Nur noch das Langzeitgedächtnis würde bestehen. Zentral ist auch das vorhin genannte Ortsgedächtnis im Hippocampus. Es gibt hier sogenannte Ortszellen, welche jeweils mit einem bestimmten Ort verknüpft sind. Zuletzt spielt der Neokortex eine wichtige Rolle bei der Untersuchung der Abspeicherungen von Erinnerungen. Er besteht aus sechs Lamina, welche neue Informationen bewertet und zu den verschiedenen Hirnarealen „schickt“.

Diese Informationen werden durch Reize hervorgerufen. Wenn also ein Reiz (optisch, akustisch, taktil/hoptisch, olfaktorisch) ausgelöst wird, wird dieser über die Sinneszellen/Rezeptorzellen, über einen Nerv des peripheren Nervensystems zum zentralen Nervensystem „geschickt“ (z.B. Gehirn, Rückenmark). Durch den Nerv des PNS erreicht er dann den Effektor, so dass eine Reaktion entsteht. Diese Reaktion erfolgt dann entweder motorisch oder sekretorisch.

Bei der Erinnerung handelt es sich daher um ein komplexes Phänomen. Es sind mehrere Hirnareale betroffen, die zumeist in einer Wechselwirkung bestehen und ohne einander nicht auskommen würden.
Um noch näher darauf eingehen zu können, muss man nun die psychologische Seite betrachten, da die vorhergehende Einführung noch zu abstrakt ist. 

2. Psychologische Grundlagen

Im Folgenden wird ausgehend von der Position von Larry Cahill die Relevanz der Gefühle im Hinblick auf das Gedächtnis thematisiert.  Denn nur eine medizinische Erklärung reicht nicht aus, um analysieren zu können, inwieweit der Mensch erinnert und erinnern kann. Ferner müssen die medizinischen Grundlagen mit psychologischen Beobachtungen verknüpft werden.

Larry Cahill, Professor an der kalifornischen Universität in Irvine, war einer der ersten Professoren, der sich mit dem Zusammenspiel von Gedächtnis und Emotionen auseinandergesetzt hat. 1996 führte er ein Experiment durch, in welchem Probanden emotionale sowie emotionslose Filmabschnitte anschauen sollten. Während dieser Prozedur untersuchte Cahill die Aktivitäten des Gehirns mittels eines Verfahrens, in welchem Stoffwechselvorgänge des Menschen sichtbar werden. Dieses Verfahren nennt man Positronen-Emissions-Tomographie. Aufgrund dieser Tomographie konnte festgestellt werden, dass das Gehirn stärker auf die emotionalen Filmabschnitte reagiert hat. Besonders im limbischen System kam es zu einer Reaktion. Hier war die Amygdala aktiv, welche in enger Verbindung zum Hippocampus steht. Die Amygdala verknüpft Emotionen mit Ereignissen und bewertet die „eingehenden“ Reize.
Einige Wochen später bat Cahill die Probanden, sich an die Filmabschnitte zu erinnern. Wie vermutet, erinnerten sich die Probanden stärker an die emotionalen Filmabschnitte.
Mit diesem Experiment wurde bewiesen, dass Emotionen und Erinnerung gekoppelt sind und sowohl medizinisch, als auch psychologisch nachvollzogen werden können.

Ein weiterer Professor, Hans J. Markowitch, angestellt an der Universität in Bielefeld, beschäftigte sich mit der Auswirkung von Stresssituationen auf das Gedächtnis. Bei langfristigem, chronischen Stress sterben Nervenzellen im Hippocampus ab. Eine Stärkung der Nervenzellenbildung könne nur durch positive Emotionen hervorgerufen werden. Erst so können Botenstoffe wie Dopamin und Serotonin die synaptischen Verbindungen und somit das Erinnerungsvermögen stärken. Neuronal bewiesen ist so, dass Gefühle in einem engen Zusammenhang mit den Erinnerungen stehen. Diese Abhängigkeit der Gefühle zeigt sich vor allem am Urbach-Wiethe-Syndrom. Hierbei handelt es sich um eine Krankheit, bei der beide Seiten der Amygdala durch einen Gendefekt verkalkt sind. Personen, die von dieser Krankheit betroffen sind, weisen ein schlechtes Gedächtnis auf und haben in Bezug auf das Sozialverhalten Schwierigkeiten, da sie kaum Gefühle zeigen können.

 

 

Konträr zum Prozess des Erinnerns steht der Prozess des Vergessens.
Mit diesem hat sich der Psychologe Daniel Schacter von der Harvard University auseinandergesetzt. Während wir uns an kleine Dinge im Alltag erinnern können, so vergessen wir auch einige Dinge: Wo habe ich mein Busticket hingelegt? Habe ich etwas im Auto vergessen? Wo hängt meine Jacke?
Diese „Vergesslichkeiten“ bezeichnet Schacter als sogenannte „Sünden“ des Gehirns. Von diesen „Sünden“ gibt es sieben an der Anzahl: drei Unterlassungs- und vier Begehungssünden. Unterlassungssünden sind die Geistesabwesenheit (Speicherfehler des Gehirns), die Blockierung (eine andere Information versperrt den Weg für die neue Information) sowie die Transienz (falsche Abspeicherung der Information). Alle drei Sünden bezeichnen Vergessenes, welches wir nicht vergessen wollten. Bei den Begehungssünden handelt es sich um die Suggestibilität (man erinnert sich an etwas, das gar nicht. passiert ist), die Verzerrung (die aktuelle Gefühlslage verzerrt Erinnerungen der Vergangenheit), Persistenz (peinliche oder traumatische Erinnerungen) und Fehlattribution (eine Information wird der falschen Quelle zugeordnet). Hier kann sich der Mensch zwar erinnern, jedoch weist die Erinnerung Fehler auf.

Es zeigt sich also, dass der Prozess des Erinnerns nicht nur komplex, sondern auch individuell subjektiv abläuft. 

 

Weitere Artikel

Die Komplexität der Erinnerungen

„Alle großen Leute waren einmal Kinder, doch nur wenige erinnern sich daran“ (Saint-Exupéry aus „Der kleine Prinz")  Sich besinnen. Gedenken. Ins Gedächtnis rufen. Zurückblicken. All dies sind Synonyme für das Schlagwort Erinnern. Menschen erinnern sich an große...

Nachhaltigkeit

Was genau bedeutet eigentlich Nachhaltigkeit und wieso wird sie so vehement gefordert?Kaum ein Thema wird in der Öffentlichkeit so breit diskutiert wie das Thema der Nachhaltigkeit. Auf allen gesellschaftlichen Ebenen wird Sinn und Zweck sowohl in Frage gestellt als...